DRV DECODED – Selbstcheck Erwerbsstatus: Alle Fragen, alle Punkte, alle Fallen
Die DRV hat einen neuen Selbstcheck Erwerbsstatus veröffentlicht. Was die Behörde nicht verrät: Wie der Algorithmus dahinter funktioniert. Wir haben ihn entschlüsselt.
Was wir in unserem ersten Artikel bereits eingeordnet haben, legen wir hier offen – mit konkreten Zahlen.
Das System startet bei -8
34 Fragen, jede mit einem Punktwert. Am Ende entscheidet die Summe: Score ≥ +1 = selbstständig, Score ≤ −1 = abhängig beschäftigt.
Der Clou: Das System startet nicht bei 0. Der Basis-Score beträgt −8 Punkte. Bevor ihr auch nur eine Frage beantwortet habt, seid ihr im Minus. Wer alle Fragen mit der ungünstigsten Antwort beantwortet, landet bei −76 Punkten. Wer alles perfekt macht, klettert ins Plus – aber der Weg dahin ist steil, weil die Startposition bereits negativ ist.
Das ist, als würde die DRV sagen: „Wir gehen erstmal davon aus, dass du kein Selbstständiger bist. Beweise uns das Gegenteil.“
Wo die Punkte wirklich liegen
Nicht alle Kategorien wiegen gleich. Die Gewichtung zeigt, wo die DRV genau hinschaut – und wo nicht:
Arbeitsausführung & Weisungsgebundenheit: bis zu −19 Punkte. Die mit Abstand schwerste Kategorie. Allein hier entscheidet sich fast ein Viertel des gesamten Scores.
Arbeitszeit: bis zu −14 Punkte. Feste Zeiten, Urlaubsregeln, Lohnfortzahlung – alles Volltreffer im Algorithmus.
Zusammenarbeit & Eingliederung: bis zu −14 Punkte. Und hier wird es für die IT-Branche absurd: Wer in einem Scrum-Team arbeitet und wahrheitsgemäß angibt, dass er an Besprechungen teilnimmt, verliert −3 Punkte. Pro Meeting-Frage. Die DRV unterscheidet nicht zwischen methodisch notwendiger Koordination und disziplinarischer Anweisung.
Vergütung: bis zu −8 Punkte. Immerhin: Stundenvergütung kostet nur −2. Der Branchenstandard wird toleriert.
Arbeitsmittel & Kapitaleinsatz: bis zu −6 Punkte. Eigener Laptop reicht. Aber mit Firmenlogo des Kunden auftreten kostet allein −4.
Kundengewinnung & Marktauftritt: nur −5 Punkte. Und genau das ist der Skandal. Die Kategorie, die vor Gericht oft entscheidend ist – eigene Website, wechselnde Kunden, Akquise – bewertet der Algorithmus mit lächerlichen 5 von 76 möglichen Negativpunkten. Praktisch irrelevant.
Arbeitsort: ±0 Punkte. Ob Homeoffice oder Kundenbüro – dem Algorithmus ist es egal.
Die fünf teuersten Einzelfragen
Fünf falsche Antworten reichen für −20 Punkte. Das kippt in vielen Szenarien das Ergebnis:
−5: Gibt es genaue Anweisungen zur Arbeitsausführung? −4: Gibt es feste Vereinbarungen zur Arbeitszeit? −4: Können Aufgaben einseitig verändert werden? −4: Treten Sie mit Firmenlogo des Auftraggebers auf? −3: Müssen Sie an Besprechungen teilnehmen?
Was das alles bedeutet
Der Selbstcheck Erwerbsstatus ist kein neutrales Orientierungstool. Er ist ein Algorithmus mit eingebauter Schlagseite: negativer Startwert, übergewichtete Eingliederungskriterien, untergewichteter Marktauftritt. Die Realität agiler IT-Projektarbeit bildet er nur bedingt ab.
Das heißt nicht, dass das Tool nutzlos ist. Im Gegenteil: Wer die Logik kennt, kann sich vorbereiten. Genau dafür haben wir den Algorithmus in einen eigenen Rechner übertragen – mit sichtbaren Scores für jede einzelne Antwort.
→ Hier den DRV-Rechner mit allen Scores durchspielen
Und wer verstehen will, was das Tool alles nicht fragt – Marktauftritt, Kundenhistorie, unternehmerische Investitionen – findet die ausführliche Einordnung in unserem ersten Artikel zum Selbstcheck Erwerbsstatus.

Screenshot DBITS
Gemini
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