Neues DRV-Tool: Der „Selbstcheck Erwerbsstatus“ – was IT-Selbstständige wissen müssen
Die Deutsche Rentenversicherung (DRV) hat ein neues digitales Orientierungstool veröffentlicht: den Selbstcheck Erwerbsstatus. Das Online-Werkzeug ermöglicht es Auftraggebern und Auftragnehmern, eine erste Tendenz dazu zu ermitteln, ob ein Auftragsverhältnis eher in Richtung selbstständige Tätigkeit oder abhängige Beschäftigung weist. Wir ordnen das Tool aus Sicht der IT-Selbstständigkeit ein und vergleichen es mit unserem bestehenden DBITS-Scheinselbstständigkeits-Checkup.
Was der DRV-Selbstcheck bietet
Der Selbstcheck basiert auf den durch die Rechtsprechung entwickelten Abgrenzungskriterien und fragt verschiedene Aspekte des konkreten Auftragsverhältnisses ab – darunter Arbeitszeitsouveränität, Arbeitsortbestimmung, fachliche Weisungsfreiheit, Vergütungsmodell, Vertretungsregelungen und Haftung. Auf Basis der Antworten errechnet das System eine unverbindliche Tendenz.
Die DRV betont drei zentrale Eigenschaften des Tools: Es ist unverbindlich (es wird lediglich eine Tendenz festgestellt), anonym (keine Erfassung persönlicher Daten) und schnell nutzbar. Ausdrücklich ausgenommen von der Nutzung sind Gesellschafter-Geschäftsführer, mitarbeitende Gesellschafter und Fremdgeschäftsführer einer GmbH. Das Tool ersetzt keine rechtsverbindliche Statusfeststellung durch die Clearingstelle der DRV Bund.
Positive Signale für die IT-Branche
Bei der Analyse des Fragenkatalogs fallen zwei Punkte positiv auf, die für die IT-Branche von erheblicher Bedeutung sind.
Stundenvergütung wird nicht per se negativ bewertet. In der Vergangenheit galt eine arbeitszeitbezogene Vergütung (Time & Material) vielen Compliance-Beratern als starkes Indiz für eine Arbeitnehmereigenschaft. Im DRV-Selbstcheck führt die Angabe einer Stundenvergütung nicht automatisch zu einer negativen Bewertung – vorausgesetzt, das finanzielle Ausfallrisiko (keine Vergütung bei Krankheit, kein Ausfallhonorar bei AG-seitigen Verzögerungen) liegt beim Auftragnehmer. Das entspricht dem branchenüblichen Standard in der IT-Beratung und ist ein begrüßenswerter Schritt der behördlichen Realitätswahrnehmung.
Vertretung durch interne Mitarbeiter ist nicht automatisch toxisch. Wenn bei Verhinderung des Freelancers der Auftraggeber oder dessen Mitarbeiter die Arbeit übernehmen, führt dies im Tool nicht zwangsläufig zu einer negativen Gesamtbewertung. Das ist relevant für IT-Projekte, in denen externe Spezialisten gemeinsam mit internen Entwicklern an derselben Codebasis arbeiten. Fällt der Externe aus, muss das Projekt durch Interne weitergeführt werden – eine unvermeidbare betriebliche Realität, die das Tool nun nicht mehr pauschal bestraft.
Der blinde Fleck: Der unternehmerische Marktauftritt fehlt
Der signifikanteste Kritikpunkt am DRV-Tool aus unserer Sicht ist sein eingeschränkter Blickwinkel. Das Tool analysiert nahezu ausschließlich den Mikrokosmos des konkreten, einzelnen Auftragsverhältnisses: Wie sind die Arbeitszeiten geregelt? Wer bestimmt den Arbeitsort? Werden eigene Arbeitsmittel genutzt?
Was das Tool dabei weitgehend ignoriert, ist der unternehmerische Auftritt des Selbstständigen am Markt – ein Aspekt, der in der Rechtsprechung der Sozialgerichte von erheblicher Bedeutung ist. Betreibt der Freelancer eine professionelle Website? Akquiriert er aktiv? Hat er wechselnde Kunden? Investiert er in eigene Fortbildung? Unterhält er eine Betriebshaftpflichtversicherung?
Das DRV-Tool reduziert diese komplexe unternehmerische Dimension auf eine einzige Frage zur parallelen Tätigkeit für eigene Kunden. Für einen IT-Consultant, der für sechs Monate zu 100 % in einem Kundenprojekt tätig ist, lautet die Antwort hier zwangsläufig „Nein“ – obwohl er davor und danach für andere Auftraggeber gearbeitet hat.
Agile Methoden bleiben ein Spannungsfeld
Ein weiterer Punkt, den das Tool nur unzureichend abbildet, ist die Realität agiler Softwareentwicklung. Im DRV-Selbstcheck wird die freie Entscheidung über die Teilnahme an Besprechungen positiv gewertet. In einem Scrum-Framework ist die Teilnahme an Daily Standups, Sprint Planning und Sprint Reviews jedoch keine optionale Veranstaltung, sondern methodisch zwingend erforderlich. IT-Freelancer, die hier wahrheitsgemäß antworten, sammeln potenziell Negativpunkte – obwohl die jüngere Rechtsprechung zeigt, dass agile Zusammenarbeit und Selbstständigkeit sich keineswegs ausschließen müssen.
DRV-Selbstcheck und DBITS-Checkup: Unterschiedliche Ansätze
Der wesentliche Unterschied zwischen dem neuen DRV-Tool und unserem DBITS-Scheinselbstständigkeits-Checkup liegt im methodischen Ansatz:
Der DRV-Selbstcheck liefert eine algorithmische Momentaufnahme eines konkreten Auftragsverhältnisses. Er bewertet, wie das aktuelle Projekt auf Basis der BSG-Kriterien tendenziell einzuordnen ist. Der Fokus liegt auf dem Ist-Zustand eines einzelnen Auftrags.
Der DBITS-Checkup verfolgt einen präventiven, handlungsorientierten Ansatz. Er ist weniger als juristisches Urteilsinstrument konzipiert, sondern als Best-Practice-Leitfaden, der IT-Selbstständigen hilft, ihren Außenauftritt und ihr Projekt-Setup vor Projektbeginn so auszurichten, dass das Risiko einer Scheinselbstständigkeit gar nicht erst entsteht. Er umfasst vier Säulen: die absolute Weisungsfreiheit bei der Leistungserbringung, die strikte Vermeidung einer Integration in die Arbeitsorganisation des Auftraggebers, den unternehmerischen Auftritt als Selbstständiger am Markt sowie eine sauber abgegrenzte Leistungsbeschreibung.
Kurz gesagt: Der DRV-Selbstcheck fragt „Wie sieht es aktuell aus?“. Unser Checkup fragt zusätzlich „Was können Sie aktiv tun, um Ihre Selbstständigkeit abzusichern?“ – und gibt darauf konkrete Antworten.
Empfehlung
Der DRV-Selbstcheck ist ein sinnvoller erster Orientierungspunkt, der die Bereitschaft der Rentenversicherung signalisiert, digitaler und transparenter zu werden. IT-Selbstständige sollten das Tool kennen und nutzen – sich aber nicht ausschließlich darauf verlassen.
Für eine fundierte Vorbereitung auf Projekte und Vertragsverhandlungen empfehlen wir, ergänzend unseren DBITS-Checkup durchzuführen. Er bietet die ganzheitliche Perspektive, die für eine belastbare Absicherung in der Praxis notwendig ist – insbesondere den Blick auf den eigenen Marktauftritt, der bei einer realen Statusprüfung durch die DRV oder vor Gericht ein entscheidender Faktor sein kann.
Links:

KI Gemini generated
Hinterlasse einen Kommentar
An der Diskussion beteiligen?Hinterlasse uns deinen Kommentar!